heise online news: Anbieterverband gegen SMS-Abzocke gegründet (21.1.03)

heise online news

Anbieterverband gegen SMS-Abzocke gegründet

[21.01.2003 13:29]

Weil Premium-SMS-Dienste zunehmend auch betrügerisch genutzt werden[1], haben einige deutsche SMS-Firmen nun einen Verband gegründet, der ein Gütesiegel herausbringen und gegen "schwarze Schafe" vorgehen soll. Mitglieder der am 14. Januar gegründeten Interessengemeinschaft mobile messaging Enabler (mobileME) sind bisher die Firmen Brodos, Brunet, Materna, Minick, Mobileway Germany, net mobile, Netsize und Wapme.

Die SMS-Anbieter waren über die Geschäftspraktiken einiger ihrer Kunden erschrocken, von denen sie offensichtlich teilweise erst aus der Zeitung erfahren haben. Besonders perfide war ein SMS-Spam, der nur gegen das Zurücksenden einer Premium-SMS zum Preis von 1,99 Euro abbestellt werden konnte. Mit dem neuen Gütesiegel wollen sich die Verbandsmitglieder auf bestimmte Qualitätsstandards verpflichten, deren Einhaltung ab August dann von einer unabhängigen Stelle überwacht werden soll. "Nach den Erfahrungen in anderen Ländern können wir sagen, dass die Verursacher negativer Presseberichte innerhalb des ersten Jahres gezähmt werden können", sagte Verbandssprecher Christian Römmert.

Die Anforderungen für das Gütesiegel sollen bis Ende März erarbeitet werden. Sie sollen beispielsweise festlegen, wie Werbung für Premium-SMS-Dienste auszusehen hat. Denn besonders bei der nächtlichen Fernsehwerbung für Erotik-Angebote können Kunden oftmals kaum erkennen, was eine Premium-SMS kostet und was sie für ihr Geld erwarten können. Das machte bereits Verbraucherschützer hellhörig: "Solange die Werbung deutlich erkennen lässt, was das Angebot kostet und was man für den Preis einer Premium-SMS erwarten kann, sehe ich kein Problem", meint Michael Wachs, Verbandsjustiziar der Verbraucherzentrale Niedersachsen. "Allerdings hat bereits die Fernsehwerbung für 0190-Nummern gezeigt, dass genau diese Information meistens unterbleibt. Die schwarzen Schafe sind in diesem Bereich in der Mehrzahl."

Andere Verbände streben nach anderen Lösungen: "Wir kämpfen mit unserem Arbeitskreis im Deutschen Multimedia Verband (dmmv[2]) dafür, dass die Netzbetreiber bei den Kurzwahlen für SMS-Angebote unterschiedliche Eingangsziffern wählen, damit man sie eindeutig unterscheiden kann", sagte Ingo Griebl, Deutschland-Geschäftsführer des Mobile-Marketing-Unternehmens 12snap. Für den Verbraucher soll eindeutig erkennbar sein, unter welcher Nummer Klingeltöne angeboten werden und wo Erotik-Angebote laufen. Doch für eine solche Umstellung ist es bereits zu spät, erklärt Frank Wienstroth vom Mobilfunk-Anbieter O2: "Technisch lässt sich das kaum umsetzen, da die Nummern bereits seit langem vergeben sind." (Markus Goebel) / (hob[3] / c't)


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DIE ZEIT 02/2003: "Leichtsinniges Klicken kann Sie Ihr Haus kosten" (2.1.03)

Suchtgefahr

"Leichtsinniges Klicken kann Sie Ihr Haus kosten"

Mit Online-Kasinos im Internet wollen die Betreiber neue Kunden anlocken. Suchtexperten warnen

Von Arne Molfenter und Markus Göbel

Auch in dieser Nacht ist er allein, während er im neunten Stock des Hamburger Hotels Intercontinental Akkordarbeit leistet. Alle 60 Sekunden sagt er: "Rien ne va plus" und wirft die Elfenbeinkugel in den großen Roulettekessel aus Mahagoni. Zwei Spezialkameras wachen über das Spiel. Die Schicht des Croupiers dauert bis drei Uhr morgens. Seine Kunden und die Höhe ihrer Einsätze kennt er nicht.

Wer hier zockt, spielt kein gewöhnliches Roulette. Die Glücksspieler sitzen zu Hause oder im Büro an ihren Computern und spielen mit bei Deutschlands erstem Internet-Roulette. Es ging im November online. Über 1000 Spieler haben sich bislang registriert. Im Durchschnitt setzen sie täglich 50 bis 100 Euro ein. Die Anmeldung erfolgt per Kreditkartennummer und Kopie des Personalausweises. Mitspielen dürfen aus rechtlichen Gründen allerdings nur Gäste, die sich in Hamburg aufhalten. Das wird durch Kontrollanrufe überprüft.

Deutsche Spielbanken sind auf Kundenfang und wollen all diejenigen ködern, die sich bisher nicht ins Kasino trauten. Hamburg hat den Anfang gemacht, alle anderen deutschen Spielbanken wollen so schnell wie möglich nachziehen. Neue Spieler haben die Kasinos dringend nötig, denn die Bilanz für das Jahr 2002 ist mager ausgefallen. In den 53 deutschen Kasinos sitzen oft nur wenige Spieler an den Roulettetischen, spielen Black Jack und Bakkarat.

Nur Sex und Glückspiele bringen Geld im Internet

Auch die Lottogesellschaften müssen sich an rückläufige Umsätze gewöhnen: Die vergangenen Jahre brachten dank neuer Spiele, wie der Fußballwette Oddset, immer neue Rekordergebnisse ein. Das ist vorbei. Um 250 Millionen Euro sind im vergangenen Jahr die Einnahmen aus Toto, Spiel 77 und Glücksspirale gesunken, bei einem Gesamtumsatz von 4 Milliarden Euro. Selbst das beliebteste Glücksspiel der Deutschen, das Zahlenlotto 6 aus 49, zieht nicht mehr wie zuvor. Für das erste Halbjahr 2002 wurde ein Rückgang der Einsätze von fast neun Prozent verzeichnet.

Anders ist es im Online-Geschäft: 1800 Internet-Kasinos sind in den vergangenen Jahren weltweit gegründet worden. "Da hat sich eine 4Milliarden-Dollar-Branche etabliert. "Sex und Glücksspiel sind die einzig tragfähigen Geschäftsmodelle im Internet", sagt Jason Ader, Analyst der New Yorker Investmentbank Bear Stearns, die den Markt von Anfang an beobachtet hat. 60 Prozent der Spieler sind Amerikaner, dicht dahinter Zocker aus Westeuropa, vor allem Briten und Deutsche. Das weckt Begehrlichkeiten, auch in Deutschland, wo bis zu 90 Prozent der Spielbankgewinne in die Staatskassen fließen.

In Hamburg gab es allerdings fünf Jahre lang politische Auseinandersetzungen, bevor das Online-Spiel um richtiges Geld eröffnet werden konnte. Vorläufiger Höhepunkt: SPD und Grüne haben im November eine Klage vor dem Hamburger Verfassungsgericht eingereicht, weil die Genehmigung des Online-Angebotes nicht durch das Spielbankengesetz gedeckt sei. "Ich halte das Online-Kasino gerade im Hinblick auf die vielen Spielsüchtigen für unverantwortlich", sagt die grüne Abgeordnete Dorothee Freudenberg, Fachärztin für Psychiatrie. "Es sei denn, der Senat will mit der Spielbankabgabe, die schon jetzt bei über 60 Millionen Euro jährlich liegt, unseren maroden Haushalt sanieren."

Die Hamburger Finanzbehörde räumt der Klage nur wenig Chancen ein. "Die plötzliche rot-grüne Empörung ist wenig glaubhaft", sagt ihr Sprecher Burkhard Schlesies. Schließlich war der Antrag auf Erteilung einer Lizenz für das Online-Kasino bereits 1999 gestellt worden, zu Zeiten des rot-grünen Senats, der damals eine Bewilligung in Aussicht stellte.

Suchtforscher sehen die Entwicklung in Hamburg mit Sorge. "Spielformen mit rascher Abfolge wie Online-Roulette haben ein hohes Suchtpotenzial. Man kann heute durch einen Mausklick Haus und Hof verzocken", sagt Gerhard Meyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen. Meyer weiß, wovon er spricht: Seit langer Zeit trainiert er Mitarbeiter von deutschen Spielbanken im Umgang mit Spielsüchtigen. Anhand einer Checkliste ("Unruhe vor dem Einlass", "Borgt sich Geld von Mitspielern", "Erhält kein Geld mehr am EC-Automaten") sollen problematische Gäste erkannt werden. "Beim Online-Spiel fehlt die soziale Kontrolle völlig", sagt Meyer. Wenn es nach ihm ginge, müssten auf den Kasino-Websites ständig Warnhinweise aufleuchten wie "Leichtsinniges Klicken mit der Maus kann Sie Ihr Haus kosten".

Otto Wulferding, Geschäftsführer der Spielbank Hamburg, weist die Vorwürfe zurück: "Im Gegensatz zum Kasino, wo man seine Jetons gegen Bargeld erwirbt, findet online eine Bonitätsprüfung statt. Wir werden auch reagieren, wenn Gäste dadurch auffallen, dass sie öfter die Kreditkarte wechseln." Pro Spiel dürfen, entsprechende Bonität vorausgesetzt, online höchstens 7000 Euro gesetzt werden.

Die Spielbank Hamburg gibt sich fürsorglich auf ihrer Website. Unter dem Menüpunkt "verantwortungsbewusstes Spielen" stehen 20 Fragen, mit denen die Gäste ihr Verhalten überprüfen können. Wer mehrmals mit Ja antwortet auf Fragen wie "Haben Sie schon einmal auf ungesetzliche Weise Ihr Spiel finanziert?" oder "Ist Ihnen schon einmal bewusst geworden, dass Sie sich mit dem Spielen selbst zerstören?", soll das Büro für Suchtprävention in der Hamburger Brennerstraße anrufen.

Bald sollen internationale Gäste mit einer englischen Website angelockt werden, um virtuell in Hamburg zu spielen und real ihr Geld zu verlieren. Bisher fließen die meisten Gewinne nach Mittelamerika und in die Karibik, wo sich knapp 80 Prozent der Online-Kasinos befinden. Auch deutsche Spieler haben über das Internet dort schon Millionen verloren, und deutsche Spielbanken konnten bisher keinen Stich machen gegen die windigen Zockerbuden in Costa Rica, auf Antigua und Curaçao.

In dem klimatisierten Großraumbüro auf der niederländischen Antilleninsel Curaçao herrscht 24 Stunden Schichtbetrieb. 30 Angestellte kümmern sich per Mail und Telefon um Spieleranfragen und überweisen Gewinne gerne auch telegrafisch, behauptet "Marc West". So nennt sich der Betreiber der Spiel-Website "Casino-Club", seinen wahren Namen möchte er nicht preisgeben. 65000 Besucher hat er angeblich im Monat, die meisten sollen in Deutschland, Österreich und der Schweiz leben. Angeblich hat "Marc West" 40 Jahre als Croupier in deutschen Kasinos und in Las Vegas gearbeitet. "Ich möchte meinen ehemaligen Arbeitgeber nicht dazu bringen, meine Rentenansprüche zu kürzen, weil ich selbst Kasinobetreiber geworden bin", sagt "West". Er hat noch einen viel wichtigeren Grund, seine wahre Identität zu verheimlichen.

Verbote werden unterlaufen und bringen die Branche in Verruf

Die Betreiber der Online-Kasinos aus der Karibik wissen genau, dass ihr Handeln illegal ist. Leute wie "Marc West" haben zwar Lizenzen der kleinen Karibikinseln erworben, aber nach Paragraf 284 des deutschen Strafgesetzbuches dürfen sie keine Glücksspiele für Gäste aus Deutschland anbieten. "Diese Verbote werden unterlaufen und bringen die ganze Branche in Verruf", sagt Klaus Gülker, Geschäftsführer der Wiesbadener Spielbank. "Marc West" ließ angeblich sogar schon Werbe-CDs unter die Scheibenwischer parkender Autos vor der Wiesbadener Spielbank stecken. "Das ist illegal und wird von uns angezeigt", sagt Gülker.

Der Kampf um die Zocker wird härter, denn auch die Spielbank Wiesbaden möchte so bald wie möglich ein eigenes Online-Kasino eröffnen. Extra dafür hat Ende November der Hessische Landtag das Spielbanken-Gesetz geändert. Gegen die Stimmen der Opposition. Wie in Hamburg soll es auch in Wiesbaden eine Live-Übertragung von einem realen Spieltisch geben anstatt elektronischer Zufallszahlen wie bei den Karibik-Kasinos. Durch Seriosität und deutsche Gesetzgebung soll das Spiel für den Massenmarkt tauglich werden. "Die Hemmschwelle sinkt", sagt Suchtexperte Gerhard Meyer. "Bei Karibik-Kasinos haben Spieler immer noch Angst, dass der Gewinn nicht ausgezahlt wird oder es zu Manipulationen kommt. Dem Hamburger Angebot können sie dagegen vertrauen."

720-mal täglich kreist die Kugel im Online-Roulettekessel der Hamburger Spielbank. In den ersten Wochen hat die Bank zwar mehr verloren als eingenommen, doch die Statistik lässt hoffen. Auf lange Sicht dürfte sich der übliche Bankvorteil von drei Prozent auch online ganz von selbst einstellen.

© DIE ZEIT 02/2003, 2. Januar 2003



Original-URL des Artikels:
http://www.zeit.de/2003/02/Casinos_online

Markus Göbel, Journalist

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