el colibrí, Revista Internacional de Berlin, 21/2004: Fujimori nach Hause holen (28.7.04)

el colibrí, Revista Internacional de Berlin, 21/2004, 28 de julio 2004

Fujimori nach Hause holen

Japan verweigert immer noch die Auslieferung des ehemaligen peruanischen Staatspräsidenten, der wegen dutzendfacher Folter und Mord mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. Die internationale Unterstützung durch Menschenrechtsorganisationen formiert sich, doch es braucht auch wirtschaftlichen Druck.

Von Markus Göbel (www.goebel.net)

Seit bald einem Jahr versucht Peru, seinen ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori wieder nach Hause zu bekommen und vor Gericht zu stellen. Schon im Juli vergangenen Jahres präsentierte der Botschafter in Tokio den japanischen Behörden ein 700 Seiten dickes Auslieferungsgesuch, das die Verbrechen auflistet, welche die peruanische Justiz ihm anlastet. Fujimori regierte von 1990 bis November 2000 und floh direkt nach seinem Sturz nach Japan. Als Sohn japanischer Einwanderer hat er sowohl die peruanische als auch die japanische Staatsbürgerschaft und fühlt sich in seiner zweiten Heimat ziemlich sicher. Angeblich soll er in Tokio in einem Luxus-Appartement in der Nähe des Hard-Rock-Cafés wohnen. Über seine Website gibt er regelmäßig hämische Kommentare zur peruanischen Innenpolitik ab und ließ sogar verkünden, dass er im Jahr 2006 mit einer neuen Partei an den peruanischen Präsidentschaftswahlen teilnehmen will.

Doch vorerst sollte er sich lieber nicht nach Lima wagen, weil dort sechs Strafprozesse gegen ihn laufen und die Staatsanwaltschaft gerade 30 Jahre Haft beantragte wegen der Ermordung von 25 Personen in den Massakern von Barrios Altos und La Cantuta. Die Morde wurden ausgeführt durch die Todesschwadron "Grupo Colina", die unter Fujimoris direktem Befehl gestanden haben soll. Die 87-seitige Anklageschrift wurde ebenfalls nach Japan geschickt, um das Auslieferungsgesuch gegen den ehemaligen Präsidenten zu untermauern, der außerdem 600 Millionen Dollar an Staatsgeldern veruntreut haben soll. Mittlerweile wird Fujimori sogar mit einem internationalen Haftbefehl von Interpol gesucht, in dem es heißt "die gesuchte Person kann gefährlich sein".

Doch Japan weigert sich weiterhin beharrlich, seine Auslieferung auch nur zu verhandeln. Staatsminister Yasuo Fukuda erklärte, dass sein Land prinzipiell keine Staatsbürger an andere Staaten ausliefert. Die peruanische Regierung hat deswegen eine große Menge an Beweisen gesammelt, die belegen, dass Fujimori sehr wohl sein Leben lang peruanischer Staatsbürger war: die Geburtsurkunde und die Taufurkunde, die militärische Ausbildung bei der peruanischen Armee sowie seine Ernennung zum Universitätsdirektor und schließlich zum Staatspräsidenten - was nur für peruanische Staatsbürger möglich ist.

"Zwischen Peru und Japan existiert kein Auslieferungsabkommen", erklärt Arnd Düker, Jurist und Mitglied der Peru-Koordinierungsgruppe der deutschen Sektion von amnesty International, das Dilemma. Er hat den Fall Fujimori in einer längeren Untersuchung für die Fachzeitschrift German Law Journal behandelt und sieht mehrere Möglichkeiten, um das Problem dennoch aus der Welt zu schaffen. "Die diesbezüglichen Bestimmungen haben keinen Verfassungsrang und könnten leicht abgeändert werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Japan und Peru ein Auslieferungsabkommen abschließen." Schließlich könnte auch die Antifolterkonvention der UNO als Grundlage heran gezogen werden, da sich das Auslieferungsverfahren ausdrücklich auch auf den Vorwurf der Folter bezieht. "Japan hat die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen unterschrieben und ist demzufolge verpflichtet, Fujimori auszuliefern oder selbst vor Gericht zu stellen."

Damit es aber so weit kommt, ist internationaler Druck notwendig, den Menschenrechtsgruppen aus der ganzen Welt nun aufbauen wollen. So hat beispielsweise die Informationsstelle Peru (www.infostelle-peru.de) in Deutschland fast 1000 Unterschriften für die Auslieferung gesammelt und an amnesty International übergeben. Ein Brief der Infostelle an den japanischen Botschafter in Deutschland ist in Vorbereitung. "Die systematischen Menschenrechtsverletzungen unter Alberto Fujimoris Regierung sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die jeder Staat verfolgen muss", erklärt Katja Franke, Sprecherin der Peru-Koordinationsgruppe der deutschen Sektion von amnesty International. "Alle Staaten sind verpflichtet, die Verantwortlichen für solche Verbrechen zu verfolgen und zu bestrafen."

Koordiniert werden die internationalen Aktionen durch die Coordinadora Nacional de Derechos Humanos (CNDH), den Dachverband von 61 peruanischen Menschenrechtsorganisationen, und ihre Website www.fujimoriextraditable.com.pe. So gab es bereits Unterschriftensammlungen und öffentliche Protestaktionen in den USA, Mexiko, Brasilien, Venezuela und natürlich auch in Japan. Die Vollversammlung der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) hat offiziell verkündet, dass sie Peru in seinem Kampf gegen Korruption und Straflosigkeit unterstützt.

Doch all diese Initiativen bewirken wenig, wenn sie nicht auch durch wirtschaftlichen Druck unterstützt werden. Peru selbst ist als Handelspartner nicht wichtig genug für Japan. Doch "wenn die Handelskontakte nicht stark genug sind, um genügend Druck aufzubauen, muss Peru eben die Hilfe anderer Staaten suchen", erklärt Elise Groulx, Präsidentin des Internationalen Verbandes der Strafverteidiger mit Sitz in Montreal. Der neu gegründete Internationale Strafgerichtshof in Den Haag sei jedenfalls nicht zuständig für Fujimori. Der erhoffte wirtschaftliche Druck könnte beispielsweise auch aus Deutschland kommen, für das Japan immer noch der wichtigste Handelspartner in Asien ist. Die Informationsstelle Peru bereitet deshalb eine Resolution vor, die in den Bundestag eingebracht werden soll und unter anderem die Strafverfolgung von Fujimori fordert. Vielleicht bringt das ihn ja nach Hause.




"Die Bundesregierung kann den Spielchen von Fujimori in Japan nicht tatenlos zusehen."

Rainer Huhle ist Mitarbeiter des Nürnberger Menschenrechtszentrums (www.menschenrechte.org), das sich seit 15 Jahren dem Kampf gegen die Straflosigkeit von Menschenrechtsverbrechen verschrieben hat und durch die dort angesiedelte "Koalition gegen Straflosigkeit" bekannt ist. Das Netzwerk aus 15 Nichtregierungsorganisationen setzt sich für die Aufklärung des Schicksals der deutschstämmigen Opfer der argentinischen Diktatur und für die Bestrafung der Täter ein.

Vor einigen Monaten konnte die "Koalition" erreichen, dass die Staatsanwaltschaft Nürnberg Haftbefehle gegen den ehemaligen argentinischen Staatspräsidenten Jorge Rafael Videla und weitere Junta-Generäle erließ und die Bundesregierung ihre Auslieferung beantragte. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt des Menschenrechtszentrums ist der Kampf gegen die Straflosigkeit in Peru.

Warum muss Fujimori ausgeliefert werden?
Alberto Fujimori wird von der peruanischen Justiz zweierlei vorgeworfen: Einerseits eine schier unglaubliche Reihe von Akten schwerer Korruption, für die aber eine Auslieferung nur bei entsprechenden zwischenstaatlichen Abkommen möglich ist. Andererseits wird ihm eine Reihe von schweren Menschenrechtsverletzungen zur Last gelegt, die einer allgemeinen Verfolgungspflicht unterliegen, beispielsweise nach dem internationalen Abkommen zur Verhütung der Folter. In solchen Fällen muss der Staat, in dem sich ein Angeklagter befindet, ihn entweder ausliefern oder aber selbst ein Verfahren durchführen. Japan verweigert jedoch beides.

Wieso kann Japan ihn einfach behalten?
Japan hat Fujimori nach seiner Flucht aus dem peruanischen Präsidentenamt die japanische Staatsbürgerschaft zuerkannt, aufgrund seiner Herkunft aus einer japanisch-stämmigen Familie. Unabhängig davon, ob dies mit rechten Dingen zugegangen ist und ob Fujimori ein Recht auf die japanische Staatsbürgerschaft hat, ist der Vorgang natürlich absurd. Er würde bedeuten, dass ein Japaner jahrelang Staatspräsident eines fremden Staates war. In Peru hatte Fujimori während seiner gesamten Regierungszeit gegen den umgekehrten Vorwurf gekämpft, dass er in Wirklichkeit Japaner sei. Wo er wirklich geboren wurde, ist bis heute nicht sicher, vermutlich aber doch in Peru. Neuerdings treibt er die Farce so weit, dass er eine erneute Kandidatur zur Präsidentschaft nicht ausschließen will. In Peru wohlgemerkt, nicht in Japan! Die Berufung auf die japanische Staatsbürgerschaft kann unter diesen Umständen kein Argument gegen die völkerrechtlich gebotene Auslieferungspflicht wegen Fujimoris Menschenrechtsverletzungen sein.

Welche nächsten Schritte werden eingeleitet, damit er doch ausgeliefert wird?
Peru hat inzwischen ein förmliches Auslieferungsbegehren in Japan eingereicht und auch einen internationalen Haftbefehl erwirkt. Zur Zeit wird überlegt, vor dem Internationalen Gerichtshof eine Klage gegen Japan einzureichen, wenn das Land weiter auf seiner Position besteht. Der Gerichtshof müsste dann entscheiden, ob die nachträgliche Zuerkennung der Staatsbürgerschaft ein Auslieferungshindernis sein kann. Im übrigen müsste aber die internationale Staatengemeinschaft in dieser Sache mehr Druck auf Japan ausüben, seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Kann Fujimori auch vor ein internationales Tribunal gestellt werden?
Die bisher gegen Fujimori vorgebrachten Fälle von Menschenrechtsverletzungen, die unter das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag fallen könnten, fanden vor seiner Gründung statt und können daher dort nicht angeklagt werden. Ein anderer Gerichtshof kommt nicht in Frage.

Was kann man in Deutschland für die Auslieferung tun?
Deutschland ist gehalten, den internationalen Haftbefehl zu vollziehen, und die deutsche Polizei muss Fujimori festnehmen, wenn er unser Staatsgebiet betreten sollte. Entsprechende Ankündigungen haben deutsche Regierungsvertreter laut Pressemeldungen auch gemacht, was zu begrüßen ist. Doch das genügt nicht. Es muss mehr diplomatischer Druck auf Japan ausgeübt werden. Dabei geht es nicht nur um die Auslieferung. Auch ein Prozess in Japan wäre eine adäquate Antwort der japanischen Regierung.

Wieso ist das Thema auch für Deutschland wichtig?
Deutschland und andere europäische Staaten sowie die USA haben die Regierung von Fujimori viel zu lange unterstützt, obwohl sie durch massive Menschenrechtsverletzungen gekennzeichnet war. Der Fall Fujimori ist deshalb geeignet, die Maßstäbe deutscher Außenpolitik zu hinterfragen, ähnlich wie das deutsche Verhalten gegenüber der argentinischen Junta. Das ist eine Debatte, die unbedingt geführt werden muss. Wenn Fujimori straffrei bleibt, bedeutet das einen schweren Rückschlag für die teilweise erfolgreichen Bemühungen der vergangenen Jahre, auch ehemalige Staatschefs vor Gericht zu stellen, die sich schwerer Verbrechen gegen die Menschheit schuldig gemacht haben. Wenn Deutschland ein Interesse hat, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in Lateinamerika und der Welt zu fördern, dann ist der Abbau der Straflosigkeit ein unverzichtbares Element in diesem Bemühen.

Dabei ist der Fall Fujimori exemplarisch. Sein Ausgang wird ein Test für die Glaubwürdigkeit des Kampfes gegen die Straflosigkeit sein, dem sich die deutsche Außenpolitik verpflichtet hat durch ihre aktive Mitarbeit an der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs und durch das Völkerstrafgesetzbuch von 2002. Die Bundesregierung kann den Spielchen von Fujimori in Japan nicht tatenlos zusehen.

Interview: Markus Göbel (www.goebel.net)




Interpol-Steckbrief von Alberto Fujimori: Urkundenfälschung, Betrug, Entführung, Geiselnahme, Mord, Organisiertes Verbrechen.
http://www.interpol.int/public/Data/Wanted/Notices/Data/2003/87/2003_9387.asp



Original-URL des Artikels:
http://www.elcolibri.de/21/colibri21_2.htm

Financial Times Deutschland: Maschinen komplettieren das Gehirn (16.7.04)

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, FREITAG, 16 . JULI 2004
Beilage TECHNIK UND GESELLSCHAFT, S. 2

Maschinen komplettieren das Gehirn

Sie haben sich im Alltag breit und unverzichtbar gemacht: Technische Geräte ergänzen menschliche Fähigkeiten - und machen mitunter sogar klug

Von Markus Göbel

Wer sich gern mal Mikrowellengerichte zubereitet, braucht den Zubereitungshinweis auf der Verpackung demnächst nicht mehr zu lesen - dank Microsoft. In deren "Küche der Zukunft" klebt an jeder Suppendose ein kleiner Computerchip. Er teilt dem Mikrowellengerät per Funk mit, wie lang und auf welcher Stufe es das Essen garen muss.

Auch die anderen Küchengeräte sind per Funk vernetzt und erklären auf Nachfrage mit synthetischer Stimme, wie sich etwa ein Kuchen backen lässt. Aus dem Internet lädt die Küche beliebig viele Rezepte und Funktionserweiterungen.

Im Jahr 2019 sollen die Maschinen endgültig klüger sein als die Menschen, prophezeit der amerikanische Philosoph Ray Kurzweil. Die Computerleistung verdoppele sich alle anderthalb Jahre. Deshalb sei bereits in 15 Jahren mit handelsüblichen Computern zu rechnen, die in allen Bereichen besser funktionierten als das menschliche Gehirn. Bis dahin überträgt die Menschheit immer mehr Aufgaben auf Maschinen und macht sich am Ende mancherorts vielleicht überflüssig. In japanischen Krankenhäusern und Altenheimen kommen bereits heute Roboter zur Therapie von Demenzkranken zum Einsatz. Die Patienten können den Unterschied zu einem Lebewesen ohnehin nicht bemerken. Wenn der kleine Roboterhund Aibo vorbeidackelt, klatschen sie freudig in die Hände und streicheln ihn sogar.

Die Enkel daheim werden dagegen immer klüger. In Deutschland hat die Pisa-Studie zwar katastrophale Bildungslücken offenbart. Weltweit lässt sich jedoch beobachten, dass die Menschen intelligenter werden. Bereits in den 80er Jahren merkte der neuseeländische Wissenschaftler James Flynn, dass die Werte kontinuierlich zunehmen, die Menschen aus hoch industrialisierten Ländern bei Intelligenztests erzielen. Ein Vergleich der Tests von heute mit den Messergebnissen früherer Generationen zeigt ein durchschnittliches Plus des Intelligenzquotienten von drei Prozentpunkten pro Jahrzehnt. In Holland absolvieren Rekruten jedes Jahr einen Test, mit dem ihre Fähigkeit zu abstraktem Denken untersucht wird. Und die steigt sogar um sieben Prozentpunkte pro Jahrzehnt.

Mit solchen Intelligenztests lässt sich nach logischen Vorgehensweisen das Problemlöseverhalten überprüfen. "Es entwickelt sich immer besser durch den Umgang mit Computern und modernen Medien", sagt Medienpsychologe Jo Groebel, Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf. Die Menschheit habe durch ihre steigende Abhängigkeit von Technik bisher mehr gewonnen als verloren. "Als die Sprache sich entwickelte, ging die Fähigkeit zur geruchlichen Kommunikation verloren. Die aktuelle Entwicklung ist ähnlich", sagt Groebel und meint damit: Obwohl die Fähigkeit zum Kopfrechnen nachlässt, macht Technik die Menschen nicht dümmer.

Je mehr Hilfsmittel für eine Tätigkeit bereitstehen, umso schlechter führt der Mensch sie ohne Hilfen aus. Die Psychologin Sabine Grüsser- Sinopoli von der interdisziplinären Suchtforschungsgruppe der Berliner Charité hat gerade eine Studie über exzessive Computernutzung bei Kindern veröffentlicht. Ein Ergebnis: Jeder zehnte Jugendliche verbringt zu viel Zeit am Computer. "Diese exzessiv computerspielenden Kinder unterscheiden sich signifikant von ihren Mitschülern, da sie bei Problemen seltener mit Mitmenschen sprechen und ihre Gefühle mitteilen", sagt Grüsser- Sinopoli. Der Computer diene dazu, Ärger und Trauer zu verdrängen. Dabei verlernt der Computernutzer, sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen.

Computer in Kinderhand haben aber auch eine kuriose Seite. "Kinder bedienen Computer oft viel schneller und besser als ihre Eltern", sagt Sabine Grüsser-Sinopoli. "Erstmals in der Menschheitsgeschichte können Eltern von Kindern lernen."

Gleichzeitig weisen Forscher aber auch auf positive Effekte hin, die durch den Umgang mit Technik entstehen: Videospiele etwa, bei denen virtuelle Gegner in rascher Folge eliminiert werden, erhöhen nach Erkenntnissen amerikanischer Forscher die visuellen Fähigkeiten. Zudem sei bei einem erfahrenen Spieler die Reaktionsgeschwindigkeit höher als bei Nichtspielern, berichtet ein Forscherteam der renommierten New Yorker University of Rochester im Fachmagazin "Nature". Selbst bei Personen, die keine Erfahrung im Umgang mit Computerspielen hätten, seien schon nach zehn Stunden Übung bessere visuelle Leistungen und kürzere Reaktionszeiten als vorher zu erkennen. Routinierte Spieler hätten im Vergleich zu unerfahrenen Probanden 30 bis 50 Prozent bessere Reaktionen gezeigt. Sie hätten im Randbereich ihres Sichtfeldes auftauchende Objekte nicht nur weit schneller erkannt, sondern hätten auch deren Anzahl rasch erfasst und richtig angegeben - ohne erst nachzählen zu müssen.

Möglicherweise werden die Menschen durch den ständigen Kontakt mit der Technik den Maschinen immer ähnlicher. Die Evolution ist dadurch vielleicht nicht mehr rein biologisch, sondern auch eine Frage neuer Apparate und Datenverarbeitungstechnik: Auf dem Campus Benjamin Franklin der Berliner Charité entwickeln Professoren ein System namens Brain-Computer Interface. Damit steuern bereits heute Patienten einen Cursor durch ihre Gehirnströme. Solche Geräte könnten irgendwann in den Körper des Menschen einziehen und fester Teil seiner Anatomie werden - sie müssen nur noch entsprechend verkleinert werden. Mensch und Maschine würden dann zu "Cyborgs" verschmelzen, die alles Wissen aus dem Internet direkt übers Gehirn abrufen können.



"Kinder bedienen Computer oft schneller und besser als ihre Eltern"
Sabine Grüsser-Sinopoli, Psychologin



ABHÄNGIG VON TECHNIK

Verändern Maschinen ergänzen die Fähigkeiten des Menschen, lassen ihn aber althergebrachte Fertigkeiten vergessen. Der Umgang mit Computern gelingt heute besser, Feuermachen mit Stein und Zunder schlechter.

Verschmelzen Die Zukunft sieht William Gibson, Autor des Romans "Neuromancer", in Mischwesen aus Organismus und Maschine, den Cyborgs. Herzschrittmacher oder Prothesen könnten eine Vorstufe sein.

Financial Times Deutschland: Beim Händedruck überträgt die Haut Daten (16.7.04)

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, FREITAG, 16 . JULI 2004
Beilage TECHNIK UND GESELLSCHAFT, S. 4

Beim Händedruck überträgt die Haut Daten

Forscher arbeiten an elektronischer Kommunikation von Körper zu Körper. Der Mensch selbst wird Stromquelle und Übertragungskabel

Von Markus Göbel

Er wirkt entrückt. Eben noch hat Jan Michael Hess konzentriert am Gespräch teilgenommen, doch plötzlich unterbricht der 33-Jährige sich mitten im Satz, schaut ins Leere und spricht von etwas anderem. Eine Stimme, die nur er hört, redet auf ihn ein, und Hess antwortet: "Ja, wird sofort erledigt." Erklären lässt sich Hess' Verhalten mit der Technik: Der Geschäftsführer der Berliner Mobilfunkunternehmensberatung Mobile Economy hat vorhin unauffällig an das Headset seines Handys getippt und ein Gespräch entgegengenommen.

Seit der letzten Cebit laufen immer mehr Menschen durch die Straßen - scheinbar vertieft in Selbstgespräche. Funkkopfhörer mit so genannter Bluetooth-Technik waren der Renner auf der Messe. Am Ohr des Trägers ist solch ein Gerät häufig kaum zu sehen. Hess hat sich gleich eins zugelegt und schwärmt schon vom nächsten Trend. Den hat er kürzlich in Tokio gesehen: Videotelefonie auf dem Handy. "Je emotionaler die Beziehung der Kommunizierenden ist, umso wichtiger werden die Videohandys. Sie können so richtig Schwung in Fernbeziehungen bringen", sagt Hess.

"Menschen möchten mehrere Kommunikationsformen kombinieren, wenn die Übertragungsrate es zulässt", sagt Andreas Oberweis, Professor am Institut für Angewandte Informatik und Formale Beschreibungsverfahren der Universität Karlsruhe. "Wo immer es geht, verschicken die Nutzer über das Internet nicht nur E-Mails, sondern sprechen per Bildtelefonie miteinander und arbeiten etwa gemeinsam an Dokumenten."

Solch eine Kommunikation könnte demnächst auf allen Kanälen an jedem Ort der Erde möglich sein. Dafür tüftelt Oberweis an Anwendungen für das "Evernet". Das ist ein weiterentwickeltes Internet, an das in Zukunft alle elektronischen Geräte über Funk angebunden sein sollen und bei dem sie unbegrenzte Bandbreite zur Verfügung haben. "Zwar ist es noch eine Vision", schränkt Oberweis ein. "Aber wir haben uns angenähert." Fast überall können Handybenutzer heutzutage mit ihrem Gerät ins Internet gehen, und im nächsten Jahr kommen die ersten Laptops mit der Funktechnik Wimax auf den Markt. Sie können im Umkreis von bis zu 50 Kilometer um eine Sendestation eine drahtlose Internetverbindung aufbauen und in 200facher UMTS-Geschwindigkeit surfen - ohne dass dafür Telefonkosten anfallen.

Damit sich auch alle am Körper getragenen Geräte an das Evernet anschließen lassen, gibt es den "menschlichen Datenbus", auf den der Softwarekonzern Microsoft kürzlich ein Patent bekam. Es beschreibt eine Methode, um Strom und Daten an Geräte zu liefern, die an den menschlichen Körper angeschlossen sind. Der Mensch wird so zum Stromkabel und zum Datenleiter seiner Technik, die er mit sich herumträgt. Eine Batterie am Gürtel schickt ihren Strom über die Haut zum Handy, zum Radio oder zum MP3-Spieler. Alle Geräte brauchen nur ein gemeinsames Paar Lautsprecher, weil sie miteinander vernetzt sind. Wenn sich zwei Menschen treffen, tauschen sie beim ersten Händedruck ihre elektronischen Visitenkarten aus, übertragen Dateien mit ihren Lieblingsliedern. Um das beängstigende Szenario aus dem Film "Matrix" komplett zu machen, fehlt nur noch, dass die Maschinen ihren Strom direkt aus dem menschlichen Körper saugen.

Von Schreckensvisionen lässt sich aber niemand abhalten, wenn er neue Geräte testen möchte. Davon jedenfalls gibt Christian Heinisch sich überzeugt. "Wir sind süchtig danach, jede neue Technik zu verwenden und uns zu ihrem Sklaven machen", sagt Heinisch. Er ist Geschäftsführer der Firma Newbase in Hamburg, die Programme entwickelt, mit denen sich digitale Pressespiegel erstellen lassen. Heinisch beschäftigt sich seit langem mit der Datenflut, die durch neue Kommunikationstechniken über uns hereinbricht. Neben seiner Arbeit hält er Vorträge und Seminare zum Thema Informationsbewältigung. Die totale Vernetzung der Menschen und ihre ständige Erreichbarkeit beurteilt er negativ. "Dadurch wird der Empfänger einer Information zum Sklaven des Senders. Der Sender weiß immer, dass seine E-Mail oder seine SMS angekommen ist und erwartet sofort eine Reaktion", sagt Heinisch.

Das führe bei manchen Menschen zu schweren Störungen, berichtet der Berliner Psychiater Sebastian Schildbach. In seiner Praxis behandelt er einen Mann, der sich tatsächlich abhängig von der Technik gemacht hat: Tagsüber telefonierte der Manager einer Pharmafirma fast pausenlos und surfte im Internet. Abends setzte er sich zu Hause hin und bereitete am Computer geschäftliche Präsentationen vor. Darüber vernachlässigte er sich so stark, dass er oft zwei bis drei Tage lang nichts aß, unter Schlafmangel, Kopfschmerzen und Ohrenpfeifen litt. "Der Patient leidet an einer narzisstische Störung. Die bewirkt, dass er sein Selbstwertgefühl aus seiner ständigen Erreichbarkeit bezieht", sagt Schildbach. Der Psychiater beobachtet bei immer mehr Patienten, dass das Benutzen von Handys ihre Impulskontrolle verschlechtert. "Bei jedem Gedanken müssen sie sofort jemanden anrufen. Dieses Verhalten überträgt sich in andere Bereiche des Lebens", sagt Schildbach.

Als nächster Bereich ist anscheinend die Liebe dran. "Onlinedating ist schon ein Riesengeschäft, und Videodating auf dem Handy wird ein noch größeres werden", sagt Mobilfunkexperte Hess. Beim Videodating tauschen die Gesprächspartner neben Worten auch bewegte Bilder. In Zukunft würden sich Jugendliche in der Disko mit ihren Handys in Chatrooms einklinken und Leute kennen lernen, die an anderen Orten feiern. "Der Videocall macht die häufig enttäuschenden Blinddates, auf die man sich bei Internet-Flirts einlässt, überflüssig", sagt Hess. Fragt sich, wozu die Jugendlichen dann noch Diskos besuchen.



"Wir sind süchtig danach, jede neue Technik zu verwenden"
Christian Heinisch, Softwarefirma Newbase



WAS IST DAS EVERNET?

Netzwerk Der Begriff Evernet steht für ein Hochleistungs-Breitband-Funk-Internet der Zukunft. Bald soll der Mensch von einem Netz kommunizierenden Objekte umgeben sein.

Vision Armbanduhren, Brillen, Turnschuhe und Jacken, digitales Papier, Wandfarben, Türklinken und Autos bekommen eigene Internet-Adressen und verbinden sich zur intelligenten Umgebung. Neben den Menschen sind alle Geräte ständig online.

Markus Göbel, Journalist

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