Financial Times Deutschland: Aus Alt macht Neu (15.9.05)

Aus Alt macht Neu

Was früher hierarchisches Speichermanagement hieß, wird Unternehmen heute als ILM verkauft. Über die Facetten eines Begriffs

Von Markus Göbel

Deutsche Unternehmen ertrinken in Daten. "Jedes Jahr steigt die Anzahl der E-Mails in den von uns befragten Unternehmen um 60 Prozent", sagt Hartmut Lüerßen, Geschäftsführer des IT-Marktforschungsunternehmens Lünendonk. "Allein bei der Deutschen Bank laufen täglich 6,5 Millionen E-Mails über den Mailserver. Bei Office-Dokumenten rechnet man mit einem jährlichen Zuwachs von 37 Prozent."

Um der Masse Herr zu werden, sollen die Firmen nun in Information Lifecycle Management (ILM) investieren. So nennen Speicherhersteller und Fachleute für Dokumentenmanagement ein angeblich neues Konzept, mit dem Daten langfristig entsprechend ihres Informationswertes verwaltet werden können.

Das Prinzip ist einfach: "Über Regeln, die Geschäftsprozesse priorisieren sowie Kostenbetrachtungen und gesetzliche Bestimmungen berücksichtigen, werden die Informationen automatisch gespeichert und am jeweils optimalen Ort vorgehalten", sagt Lüerßen in seinem "ILM-Guide 2005", den der Speicherhersteller EMC finanziert hat. Für Bernhard Zöller, Analyst der anbieterunabhängigen Beratungsfirma Zöller & Partner, ist das aber ein "alter Hut. Früher nannte man das hierarchisches Speichermanagement." Das Konzept des Lebenszyklus von Dateien ist schon seit Jahrzehnten bekannt, sagt auch Ulrich Kampffmeyer, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Project Consult.

Ob alt oder neu - ein ausgefeiltes Speichersystem hilft Sparen. "Die abgewickelte Bestellung eines Kunden muss nicht unbedingt zwei Jahre auf den teuren Onlinesystemen liegen und dort unnötig Speicherplatz belegen", sagt Jürgen Niemann, Leiter der IT-Abteilung von Krones, dem weltgrößten Hersteller von Abfüllanlagen. "Nach einer gewissen Zeit können wir sie auf ein anderes System verschieben und dort wesentlich kosteneffektiver archivieren." Dateien, die seit Monaten nicht mehr modifiziert wurden, werden bei ILM nicht mehr auf hochverfügbaren Speichersystemen vorgehalten, sondern automatisch auf langsamere verschoben. Dort setzt sich der Zyklus fort: Ist eine Datei länger als ein Jahr nicht mehr benutzt worden, wandert sie ins Bandarchiv. Die Speicherung sei so bis zu zwölf Mal billiger, heißt es bei EMC, zu dessen Kunden auch Krones zählt.

ILM ist das Ergebnis der Erkenntnis, dass die Speicherung von Daten immer teurer wird, obwohl die Preise für Speichermedien wie Festplatten oder Magnetbandsysteme sinken. "Kaufmännische Software und Bürokommunikation wie SAP, Lotus Notes und Outlook erzeugen immer mehr Daten", sagt Kampffmeyer. "Die Datenmenge wächst schneller, als die Speicherpreise fallen können." Deshalb sei es keine Lösung, immer mehr Speicher zu kaufen.

"Durchforstet man heute Serversysteme nach redundanter Datenspeicherung, stellt man fest, dass die selbe Datei in großen Unternehmen oft 1000fach abgelegt ist", sagt Karl Heinz Mosbach, Geschäftsführer von ELO Digital Office. "Die meisten Speichersysteme laufen ständig über, weil effizientes ILM fehlt."

Bei Krones wird deshalb neuerdings jede E-Mail nur einmal archiviert, selbst wenn ganz viele Empfänger sie bekommen haben. Die Anzeige im elektronischen Posteingang der verschiedenen Benutzer ist in Wirklichkeit nur ein Verweis auf ein und dieselbe E-Mail.

Angesichts der eingängigen Beispiele wundert es, dass sich die Branche vollkommen uneinig ist, was ILM genau bedeuten soll. "Die Bezeichnung wurde vor zwei Jahren vom Speicherhersteller Storagetek geprägt, um seine Produkte aufzuwerten", sagt Analyst Zöller. Heute biegt sich jeder Hersteller den Begriff entsprechend seiner Marketingstrategie zurecht. Je nach Unternehmen wird ILM mal als Oberbegriff für Enterprise Content Management gebraucht und dann wieder nur als Teildisziplin. Die Folge: verwirrte Kunden, ein unübersichtlicher Markt und fehlende Kostentransparenz.

Auf der Website seiner Unternehmensberatung hat Kampffmeyer daher weitere Synonyme wie "Content Lifecycle Management", "Data Lifecycle Management" oder "Product Lifecycle Management" zusammengetragen, die von Firmen wie CSC Ploenzke, EMC oder SAP so geschickt angewendet werden, dass ihr Produkt als das einzige richtige erscheint. "Diese unterschiedlichen Formulierungen zeigen, dass eine eindeutige Zuordnung von Produkten zum Marketingslogan ILM heute kaum noch möglich ist", sagt Kampffmeyer.

Damit schaden sich die Firmen nur selbst. "Mit jedem neuen Schlagwort werden die Anwender weiter verunsichert, da sie den Eindruck haben müssen, dass sich der Technologiewandel in unserer Branche im Sekundentakt vollzieht", sagt Christoph Pliete, Vorstand des Anbieters Dvelop. "Dabei ist es nur alter Wein in neuen Schläuchen."

Expertenkritik

Datenleben In einem Thesenpapier kritisiert der DMS-Experte Ulrich Kampffmeyer ILM-Konzepte. Sie setzen zwar auf den Wert der Information, der den Lebenszyklus und die Speicherorte bestimmt. ECM (Enterprise Content Management), DMS- und Archivlösungen tun das seit Jahrzehnten auf der Basis der Inhalte und der Metadaten.

Funktion ILM sei lediglich ein weiterentwickeltes hierarchisches Speichermanagement (HSM). Wesentliche funktionale Ansätze der elektronischen Archivierung wie Records Management und datenbankgestützter Direktzugriff fehlten.

15. September 2005

Financial Times Deutschland: Mit Bluetooth auf der Überholspur (11.9.05)

Mit Bluetooth auf der Überholspur

von Markus Göbel

Den Begriff "Datenautobahn" kann man bald wörtlich nehmen. Die Marburger Hardwarefirma IP Motion hat einen Internetzugang für das Auto entwickelt, der gleichwertig mit DSL sein soll.

"Wir haben ihn bei bis zu 300 Kilometern pro Stunde im Ferrari getestet, ohne dass die Verbindung abbrach", sagt IP-Motion-Geschäftsführer Florian Kempff. Die Probe für den Internetzugang fand allerdings im Ballungsraum Frankfurt am Main statt, wo das UMTS-Mobilfunknetz dicht geknüpft ist. "Auf dem platten Land sind die Übertragungsraten natürlich geringer", schränkt Kempff ein.

Der mobile Internetzugang lohnt sich bislang nur für Autofahrer, die überall per E-Mail erreichbar sein wollen. Der Einbau des "Car-a-Van"-Internetzugangs von IP Motion beispielsweise kostet mehr als 3000 Euro, und für den Betrieb sind vier UMTS-Mobilfunkverträge notwendig. Bisher ist der Zugang vorrangig in Reisebussen vorhanden, aber auch in der Maybach-Limousine von DaimlerChrysler.

Ausweg Bluetooth

Von den digitalen Fähigkeiten des Maybachs müssen andere Autobesitzer noch träumen. Der normale Internetzugang im Auto, wie etwa im BMW, ist ungefähr 100-mal langsamer als DSL und setzt auf die alten Standards WAP und GSM. Ingenieure müssen oft schon mehrere Jahre vor dem Marktstart eines Modells festlegen, welche elektronischen Komponenten im Auto eingebaut werden. Die sind dann meistens veraltet, wenn sie auf den Markt kommen. Deswegen waren im 7er BMW bisher nur Singleband-Telefone zu haben, mit denen man nicht einmal die Netze von E-Plus und O2 benutzen konnte.

Den Ausweg soll die drahtlose Vernetzungsmethode Bluetooth bringen, die sich als Standard für Fahrzeuge etabliert. Thorsten Wichmann, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Berlecon Research: "Bluetooth ist ein sehr robuster Funkstandard, der funktioniert, egal wo die Geräte im Auto liegen." Über den digitalen Nahfunk kann jedes moderne Handy an die Freisprechanlage im Fahrzeug angeschlossen werden. Die auf der SIM-Karte hinterlegten Telefonnummern und Kurzwahlen sind damit auch im Auto verfügbar. Das Telefon kann recht bequem durch Knöpfe am Lenkrad bedient werden.

Sprechende Navigationssysteme

Bluetooth bringt zudem Navigationssysteme zum Sprechen. Diese funktionieren heute meist auf Basis von Pocket-PCs, auch PDA genannt. Zu einem kompletten "Navi" mit Straßenkarten und Sprachausgabe werden die Minicomputer durch die passende Software, einen Empfänger für die Satellitennavigation GPS und den Anschluss an die Freisprechanlage.

Der niederländische Hardwareanbieter Tom Tom geht noch einen Schritt weiter und lässt sogar den Minicomputer weg: Sein "Mobile 5"-Navigationssystem besteht lediglich aus einem GPS-Empfänger mit Bluetooth von der Größe einer Zigarettenschachtel. Die Streckenberechnung und die Kartenanzeige erfolgen auf einem Smartphone-Handy, das auf dem Armaturenbrett festgesteckt werden kann.

Nachgerüstete Technik oft das Modernste im Auto

Da das Entwicklungstempo von Fahrzeug- und Unterhaltungselektronik weit auseinander klafft, ist die nachgerüstete Technik heute oft das Modernste im Auto. "Ein Problem ist, dass die heutigen Autos keine Buchsen zum Anschluss neuer Geräte haben", sagt Wichmann. Er selbst kann seinen MP3-Player iPod nur über einen Adapter im Kassettenfach seines Autoradios anstöpseln. "Elegant ist das nicht", sagt er. "Wer lediglich einen CD-Player eingebaut hat, kann gar keinen MP3-Player anschließen."

In den vergangenen Monaten kamen fast alle Automarken mit Anschlussmöglichkeiten für den iPod von Apple heraus. Sie haben fast keine andere Wahl, erzählt Klaus Goldhammer, Geschäftsführer der Berliner Consultingfirma Gold Media: "Der iPod ist vor allem in den USA so verbreitet, dass jede Firma Erweiterungen dafür anbieten muss, die dort Autos verkaufen möchte."

ftd.de, 11.09.2005
© 2005 Financial Times Deutschland, © Illustration: AFP

http://www.ftd.de/tm/tk/21569.html

Markus Göbel, Journalist

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